Gesundheit: Wenn die innere Uhr aus dem Takt gerät

bayer_biologische-tagesuhr.jpgAlle Körperfunktionen unterliegen biologischen Rhythmen und verändern sich im Lauf von Tag und Nacht. Im Interview erläutert Professor Dr. Till Roenneberg, Leiter des Zentrums für Chronobiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, welche Wirkung diese Rhythmen auf den Alltag haben.

Was verstehen Wissenschaftler unter der inneren Uhr und was ist ihre Aufgabe?
Damit die biologischen Abläufe im Zeitraum Tag optimal organisiert werden können, haben alle Lebewesen im Laufe der Evolution eine innere Uhr entwickelt. Die innere Uhr und nicht die äußere ist die Referenz-Zeit für alle inneren Abläufe, die dann gestört werden, wenn die innere Uhr nicht richtig tickt oder nicht optimal an die Außenzeit synchronisiert ist.

Wie wird die innere Uhr gestellt?
Da die Tageslänge der inneren Uhr - auf sich alleine gestellt - leicht von 24 Stunden abweicht, muss sie täglich auf die 24-Stunden-Drehung der Erde gestellt werden. Dies geschieht vor allem durch Licht oder durch den Wechsel von Tag und Nacht.

Ist die innere Uhr bei allen Menschen gleich?
Alle gesunden Menschen haben gemeinsam, dass ihre innere Uhr unter normalen Bedingungen perfekt an den 24-Stunden-Tag synchronisiert werden kann. Allerdings gibt es große individuelle Unterschiede, wie sich die innere Uhr eines Einzelnen in den 24-Stunden-Tag, in den Licht-Dunkel-Wechsel der Außenwelt einbettet. Diese Unterschiede führen zu den bekannten Früh- und Spät-Typen.

Welche Auswirkungen haben biologische Rhythmen auf den Alltag?
Durch die individuellen Unterschiede kommen Menschen besser oder schlechter mit den sozialen Zeiten ihres Alltags, zum Beispiel dem Arbeitsbeginn, zurecht. Die extremen Frühtypen werden am Abend sehr früh müde und können am sozialen Leben nicht mehr teilnehmen. Die extremen Spättypen wiederum haben oft große Schwierigkeiten, morgens rechtzeitig wach zu werden. Besonders bei Schichtarbeitern wird die innere Uhr ständig aus ihrem Takt gebracht.

Was ist unter “sozialem Jetlag” zu verstehen und was kann diesen Zustand verursachen?
Die innere Uhr von Spät-Typen gibt das Signal zum Einschlafen spät, der Wecker an Arbeitstagen weckt jedoch im Durchschnitt alle zur gleichen Zeit. Spät-Typen sammeln daher an Arbeitstagen ein großes Schlafdefizit an, das sie an freien Tagen aufzuholen versuchen. Auch nach Jahrzehnten hat sich die innere Uhr eines Spät-Typen nicht an die sozialen Arbeitszeiten gewöhnt, so dass diese Menschen nur an ihren freien Tagen ihren angeborenen inneren Rhythmus ausleben können.

Welche Folgen hat die Diskrepanz zwischen sozialer und biologischer Zeit?
Eine fehlerhafte Synchronisation führt dazu, dass die zeitlichen Abläufe des Körpers chronisch nicht mit dem sozial bestimmten Verhalten übereinstimmen. Die Folge ist zu wenig Schlaf und falsche Schlaf- und Aktivitätszeiten. Das bedeutet für den Körper Stress, so dass er anfälliger für Krankheiten wird.

Welche Maßnahmen und Strategien empfehlen Sie für den richtigen Umgang mit der inneren Uhr?
Um sozialen Jetlag zu vermeiden, sollte man versuchen, die individuelle Innenzeit an die Außenzeit anzupassen. In einer 24/7-Gesellschaft (24 Stunden, sieben Tage verfügbar) sollte man sehr viel stärker als bisher auf flexible Arbeitszeiten achten. Menschen, die im Einklang mit ihrer Innenzeit leben, sind nicht nur gesünder und zufriedener, sondern auch produktiver. Man sollte sich zudem so viel wie möglich im Freien aufhalten. Dabei ist zu beachten, dass Licht am Morgen die innere Uhr vorstellt - Licht am Abend stellt sie nach. Ausgesprochene Spät-Typen sollten daher viel Licht in der ersten Tageshälfte tanken und in der zweiten Tageshälfte meiden, oder eventuell eine Sonnenbrille tragen. Ausgesprochene Früh-Typen sollten das Gegenteil tun.

Grafik: Bayer
(ecada/Aja Glas)